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The BV’s – Speaking From A Distance (Kleine Untergrund Schallplatten, 2017)

Es ist äußerst diffizil etwas über die neue LP der BV’s zu schreiben. Keineswegs weil es zu deren Musik nichts zu sagen gäbe. Im Gegenteil: Tausend Dinge schweben einem durch den Kopf, wenn man ihren Songs lauscht. Hall, Gefühl, Einsamkeit, Hall, Genie, Wahnsinn, Sarah Records, Billy Bragg, Hall, Gitarrenwände, The Field Mice, Sound, Bruchstücke, Einheit, Weite, Nähe, Wärme. Hall. 

Dieses Spiel der Begriffssuche könnte man beim Hören von „Speaking From A Distance“ ewig weiter stricken. Ihre Musik ist schwer zu greifen, wirkt wie aus einer anderen Welt, leichtfüßig liegen gelassen, als wenn es gar nichts wäre diese an das ehrwürdige Sarah Records gemahnenden Songperlen einzuspielen. Und tatsächlich ist dieses Stück Popmusik eher aus einem Zufall entstanden, aus dem Treffen von Josh und Fred, die plötzlich in Penryn, England zusammenwohnten und einfach etwas Musik machen wollten, ohne ein konkretes Ziel oder den Druck, was dabei genau herauskommen sollte. Und diese Unmittelbarkeit und Leichtfüßigkeit merkt man der Platte in jedem Ton an. Glücklicherweise bekam Ronny Pinkau, der Kopf von Kleine Untergrund Schallplatten, Wind von diesen Aufnahmen. Er war schnell hin und weg, von dem was die englisch-deutsche Kombo da eingespielt hatte, erzählte bald vielen Leuten euphorisch davon und warf schließlich sogar seinen zuerst gefassten Plan – den ein Singles Label zu sein (daher das „kleine“ im Namen) – über Bord und entschloss sich kurzer Hand eine LP mit allen Aufnahmen zu veröffentlichen. Nur 150 Stück dieses Geniestreichs der BV’s existieren, und, sollten die richtigen Leute Wind von dieser LP bekommen, werden diese 150 Stück bald in den Händen von Musikliebhabern in aller Welt sein, die diesen zerschossenen Indiepop lieben und gleichzeitig ein Herz für Shoegaze haben.

Die Lyrics der Songs wirken teils bruchstückhaft zusammengefügt. Eine klare Linie gibt es selten, die LP erzählt keine langen Geschichten, berichtet eher von Gefühlen und Begegnungen. Doch ist das eben die klare Linie – nicht in klassische Songwriting Strukturen verfallen. Und nach einigen Hördurchgängen geben auch gerade diese vielen Einzelteile zusammen wieder ein geschlossenes Ganzes. Die Summe der einzelnen Teile. 

Dennoch will die Band an anderer Stelle Einheit. „This record is meant to be listened to in one 45 minute sitting…“. Das erinnert fast an die Beat Generation, deren Texte als Einheit gelesen werden wollten und die Spontaneous Prose eben dieser Bewegung kommt der Kunst der BV’s ganz nahe.

Wenn die einzige deutschsprachige Zeile auf der LP hinter einer Gitarrenwand geflüstert wird „Im Spiegel deiner Augen sah ich nur meine eigene Schönheit“, und danach die Gitarren janglen wie auf unseren liebsten Another Sunny Day Platten, dann erzeugt dies Gänsehaut beim Zuhörer. Nur um ihn dann wieder herunterzuziehen: „How does it feel to be the worst mistake in your life?“. Auf „To No Ar“ geraten die Lyrics noch mehr in den Hintergrund. Kraut Anleihen kommen in den Sinn, mehr Sound als Song. Es scheint als kühlen die BV’s kurz ab, nur um uns auf einen der Höhepunkte der LP vorzubereiten: „Always“! Ein Song der sich problemlos in den Sarah Records Katalog einordnen würde. Kann es ein größeres Lob geben? Dieselbe Sehnsucht, die selben unendlich scheinenden Gitarrenparts, der selbe Druck wie auf „Sensitive“ oder „You Should All Be Murdered“. Es gibt nicht genug Superlative dafür, dass eine Band es im Jahre 2017 schafft dies nochmal auf Vinyl zu bringen. Der Song endet nach vier Minuten, doch man wünschte sich fast er würde unendlich weitergehen.

„Neon“ fährt nochmal eine Soundwand auf, die man so lange nicht mehr gehört hat, bevor die BV’s mit ihrem vielleicht schönsten Song, dem Titeltrack „Speaking From A Distance“, die LP (fast) abschließen. Am Ende steht ein achteinhalb minütiges Krautrock Outro, das weitere Einflüsse einer Band zeigt, von denen, sollten sie nochmal spontan Zeit haben ein paar Songs einzuspielen, Großes erwartet werden kann.

Sicher machen The BV’s keine Musik für den Mainstream, aber in diesem Feld wollen The BV’s sich auch gar nicht bewegen. „Speaking From A Distance“ ist ein wunderbares Statement im Jahre 2017. Eines für die Liebe zur Schallplatte, für die Liebe zum Detail (für das Cover wurde Papier aus Birkenholz verwendet, jeder LP liegt ein separates Foto mit Downloadcode bei) auf der einen Seite. Und eines für Spontanität, DIY-Attitüde und Aufbruch auf der anderen Seite. Nehmt einfach auf was ihr wollt. Denkt nicht daran, wieviele Leute das hören wollen und ob der Song auch gut genug klingt. Macht einfach! Eine mutige und spontane Platte, die schon bald gesucht sein könnte. Es bleibt abzuwarten was die BV’s für Musik machen, sollten sie lange in einem Studio sitzen, mit Produzenten arbeiten und die ganze Maschinerie durchgehen. Es könnte groß werden. Doch die Spontanität dieser Platte möchte ich nicht mehr missen.

The BV’s sind Shoegaze, Indiepop und Reverb! Und zwei kluge, talentierte Köpfe dahinter! „Nothing is real!“ sind die letzten Worte der LP, bis man sie wieder umdreht und erneut in die Welt von „Speaking From A Distance“ abtaucht – eine Welt in der Traum und Realität verschwimmen.

Rating 9/10

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