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News & Faves on Vinyl

Sarah Records Porträt

Just an Honest Old-Fashioned Something We’re Proud Of

Eine Geschichte über Sarah Records – dem Label aus dem Herzen Bristols, bei dem Freud und Leid so nah beieinander liegen

Idealistisch, sozialistisch, treue Anhänger, pop-affin, sehr gesucht. All dies sind Schlagworte, die man mit Sarah Records in Verbindung bringen könnte. Als Matt Haynes und Clare Wadd 1987 das Label Sarah Records gründeten, hatten sie vielleicht keinen Masterplan in der Tasche, aber ein ganz klar formuliertes Ziel vor Augen: 100 perfekte Pop Platten veröffentlichen – nicht mehr und nicht weniger als das.

What is there to smile about?

Haynes hatte zuvor im Pop-Underground mit seinem Fanzine „Are You Scared to Get Happy?“ für Aufsehen gesorgt. Seine dort veröffentlichten Statements waren bewegend, voller Emotionen und gleichzeitig politisch (dem Sozialismus zugewandt) – allen voran aber schon fast hoffnungslos idealistisch. So sehr Haynes selbst ein Fan der UK Indie Szene (und beispielsweise Alan McGee’s Creation Label war), so sehr widerte ihn gleichzeitig die zunehmende Kommerzialisierung dieser Szene an, die er offen kritisierte. Das Gehabe um „limited editions“, „bonus Tracks“ und das Aufkommen der 12inch Schallplatte als Format für Singles war ihm ein Dorn im Auge – und genau dieser Dorn im Auge der Musikindustrie sollte/wollte wiederum sein eigenes Label werden.

Verehrer des 7inch Formates

Haynes wollte mit seinem Label nicht dem Diktat der Musikindustrie folgen. Stattdessen war er ein Verehrer der 7inch Single und sah sie als einziges wahres Format im Pop an. Er hielt nichts von Überproduktion und hohen Studiokosten, sondern wollte Pop Musik auf das Wesentliche reduzieren – den Song selbst als unmittelbares Statement der Band. In dieser Haltung glich er schon fast den Autoren der Beat Generation, jener amerikanischen Literaturbewegung, der jegliche Nachbearbeitung von Output verpönt war, für die alle Kunst spontan und voller Leidenschaft und Überzeugung aus dem Innersten der (Künstler-)Seele heraus kommen sollte. Die Musik auf seinem Label sollte die Hörer denken, fühlen, lieben, lachen und weinen lassen und die Macher von Sarah Records sahen sich damit irgendwo im Spielraum zwischen Punk und der Hippebewegung. Haynes wollte Platten veröffentlichen, wegen denen man am Veröffentlichungstag bei der ersten Gelegenheit in den Plattenladen rennt um sie in den Händen zu halten – sowohl wegen der Musik, als auch wegen dem Artwork. Und Platten die erschwinglich waren und die man von seinem Taschengeld bezahlen konnte. Dass dies für nahezu alle Sarah Records Releases heute nicht mehr möglich ist und einige der Veröffentlichungen im dreistelligen Bereich verkauft werden, stößt Matt Haynes Gerüchten zufolge übel auf. Eine umfassende Reissue Serie auf Vinyl ist dennoch nicht in Planung, lediglich das New Yorker Label Captured Tracks veröffentlichte kürzlich ein Reissue von Sarah 21, „Crush the Flowers“ von The Wake.

Sha-La-La Records als Ausgangspunkt

Doch zurück zu Haynes. Dieser begann seine Mission mit der Gründung des Labels Sha-La-La Records, welches nur Flexi Discs veröffentlichte, die in Kombination mit Fanzines erschienen und das damit komplett dem Kommerz entsagte. Mit einer Ausnahme teilten sich hier immer zwei Bands die (einzige) Seite der Flexi Disc – unter anderem veröffentlichten hier die sagenumwobenen Clouds einen ihrer nur vier erschienenen Songs (die anderen drei auf ihrer Single für das „Subway“ Label). Die Ausnahme stellten die Poppyheads dar. Sie veröffentlichten eine 4-Track Flexi EP, und waren später für eine der formidabelsten Sarah Singles verantwortlich.

Matt + Clare = Sarah

Als Clare Wadd, die sich bis dahin für das Fanzine Kvatch verantwortlich zeigte, und Haynes sich wenig später zusammentaten, entstand Sarah Records. Für die erste (und am teuersten gehandelte) Veröffentlichung „Pristine Christine“ der Sea Urchins wechselte man auf das 7inch Vinyl Format, und es sollten nur noch wenige Flexi Discs auf Sarah erscheinen. So sehr die beiden von ihrer Mission überzeugt waren, hinterfragte sich Wadd im ersten Sarah Fanzine (Sarah 4) dennoch selbst: Mache sie das ganze nur um keinen ungeliebten, langweiligen Job annehmen zu müssen? Anyway, die Sarah Records Historie nahm ihren Lauf, und sie sollte besonders werden.

“The name was just a whim”

Das Sarah Records Headquarter in Bristol lag nur einen Steinwurf von der Clifton Suspension Bridge entfernt, einer Brücke von der regelmäßig Selbstmörder sprangen. Passend, mag manch einer sagen, wurde doch die Musik des Labels von Kritikern oft als zu sehr im Selbstmitleid suhlend diskreditiert. Just a bloody coincidence, I might say, da die meisten Veröffentlichungen immer mehr mit Hoffnung und Selbsttherapie, als mit Selbstmitleid zu tun hatten. Auch ist der Sarah Records Katalog vielfältiger als oft angenommen wird, die stilistische Bandbreite der Bands ist so klein nicht.

Sensitive Side – Crucified?

Neben dem 60s infizierten Pop der Sea Urchins, den leisen Klängen von Brighter, oder dem Jangle-Girl-Pop von Heavenly finden sich Ausflüge in Shoegaze (Eternal’s einzige Single „Breathe“) oder ungestümen, verzerrten Lo-Fi Sound bei The Golden Dawn. Viele der anderen Bands liegen irgendwo zwischen diesen Polen oder beherrschen sowohl Übungen in laut und leise – als Beispiel seien Another Sunny Day genannt. Ihr „I’m In Love With A Girl Who Doesn’t Know I Exist“ endet nach nur eineinhalb Minuten, wirkt schüchtern und verletzlich. Demgegenüber steht das düstere, sich bedrohlich aufbauende „You Should All Be Murdered“ in dem Sänger Harvey Williams geradezu wütend mit der Welt (und wahrscheinlich auch mit dem Mädchen aus der zuvor erwähnten Single) abrechnet: „One day, when the world is set to rise / I’m going to murder all the people I don’t like,“ und noch drastischer „the people who do not deserve to live”. Eine weitere Sarah Band die diese verschiedenen Spielarten beherrschten sind The Field Mice. Auf der einen Seite steht hier exemplarisch das verzweifelte  „Emma’s House“, in dem Sänger Robert Wratten feststellt: “You have nothing to live up to / You have nothing to live down / Emma’s house is empty / So why do I call it Emma’s house?”. Auf der anderen Seite das selbstbewusste “Sensitive”, das mit einem Gitarren Malstrom endet und damals wie eine schallende Ohrfeige auf alle Spötter des Labels gewirkt haben muss. Er sprach ihre Kritik am Label direkt an („By showing your sensitive side / You do risk being crucified”) um danach zu kontern: “If the sun going down can make me cry / Why should I hide the way I feel?” Nach dem majestätischen Outro endet der Song quasi mit einem Paukenschlag – ein entschlossenes Statement. Die Single wurde 1989 zur bisher erfolgreichsten des Labels und fand sich Ende des Jahres auch in John Peel’s Festive 50 auf Platz 26 wieder (neben den Stone Roses, Pixies oder Morrissey).

Shadow Factory

Es blieb auch nicht ausschließlich bei 7inch Veröffentlichungen auf Sarah Records. 1988 erschien mit Shadow Factory die erste Langspielplatte auf Sarah – eine Compilation mit ausgewählten Tracks der ersten zwölf Veröffentlichungen des Labels, ohne Extras, ohne Firlefanz, und damit ganz im Sinne der Maxime des Labels:

„This LP, 16 songs, all from Sarah 7″s, no unreleased out-takes or bonus mix cons, just an HONEST old-fashioned something we’re proud of, a statement of faith in all sorts of futures tomorrow…” (aus den Liner Notes).

Sarah Records führte diese Tradition der Compilations mit Temple Cloud, Glass Arcade und anderen weiter, die allesamt Laufnummern bekamen, denen Buslinien aus Bristol entsprachen. All diese Compilations bieten einen wunderbaren Einblick in den Sarah Kosmos. LPs einzelner Bands folgten, einige im 10inch Format, und auch diese wurden nicht zu den Laufnummern 1-100 gezählt, sondern separat gelistet, denn Sarah blieb weiterhin ein Label das der 7inch gewidmet war, dem handgemachten, einfachen Pop, der Emotionalität und ein klein wenig auch dem Sozialismus.

Followers

Zu Sarah Records wurde bisher kaum Forschung betrieben, es gibt keine wirklichen Rückblicke der Macher, oder ausführliche Buchbände mit Informationen. Licht ins Dunkel könnten bald ein geplantes Buch und ein geplanter Film namens „My Secret World“ (nach der The Golden Dawn 7inch auf Sarah) bringen. Wann genau diese erscheinen werden ist aber sicherlich noch genauso unklar, wie viele Mythen die sich um Sarah Records ranken, oder was aus vielen der Bands, die einst auf Sarah veröffentlichten, geworden ist. Followers des Labels gibt es zahlreiche und unzählige neue Bands berufen sich auf ehemalige Sarah Acts. So könnte man die Beach Fossils oder Wild Nothing nennen, die kürzlich eine The Wake Tribute Single aufnahmen. Genauso zahlreiche andere Bands auf den Labels Captured Tracks, Slumberland oder Fortuna Pop, allen voran die mittlerweile äußerst erfolgreichen Pains Of Being Pure At Heart, und Seapony, die erst dieser Jahr ihre Debut LP veröffentlicht haben und teilweise schon fast als Field Mice mit neuer Sängerin durchgehen könnten. Ein Label, das leider mittlerweile schon wieder Geschichte ist, verschrieb sich besonders der Sarah Ästhetik, nicht nur musikalisch, sondern auch in Covergestaltung, Labelbeschriftung, der Beigabe von Inserts, etc.: YAY Records (2006-2010). Hier veröffentlichten u.a. die vielversprechenden Catwalk, die mittlerweile bei Captured Tracks ein neues Zuhause gefunden haben und auf deren Longplayer man gespannt sein darf.

We don’t do encores

Genauso voller Überzeugung und Idealismus wie Haynes, Wadd und Sarah Records starteten, beendeten sie die Geschichte des Labels im August 1995 auch – mit einer Anzeige in NME und Melody Maker, betitelt „A Day for Destroying Things“, die man aufgrund ihrer schieren Genialität eigentlich komplett abdrucken müsste.

„Nothing should be forever.

Bands should do one single and then split up,

fanzines finish after one flawless issue,

lovers leave in the rain at 5am and never be seen again.

Habit and fear of change are the worst reasons for ever doing ANYTHING”.

Weise Worte, in denen der Glaube an die Magie der Debüt Single, oder vielmehr die Magie von Anfängen und die Abscheu vor Alltagstrott und Sicherheitsdenken mitschwingt. Sarah Records war das Label von Poeten – idealistischen, naiven, aber sympathischen Poeten. „The first act of revolution is destruction and the first thing to destroy is the past“ heisst es am Ende. Sarah Records war Geschichte, Shinkansen die Zukunft. Der Musikjournalist Everett True schrieb einst in der Kritik zu einer Heavenly LP, in Bezug auf die grundsätzliche Ausrichtung des Labels: “No one can live this way forever, but what’s wrong with indulging in a little daydreaming now and then?” Man sollte es zumindest versucht haben.

Sarah Records 1987 – 1995

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