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Kevin Morby – Strom, Munich, 14/11/2016 (Concert Review)

Eine kurze Nachschau zum Kevin Morby Auftritt im Strom: Es wurde überraschend voll im Strom, und kurz vor Konzertbeginn musste man sich seine Nische im Laden suchen, die Spannung auf den Abend war greifbar. Dann trat Meg Baird auf die Bühne um das Vorprogramm zu gestalten, und was dann geschah war nur schwer zu glauben. Leider in zweierlei Hinsicht. Meg begann mit wundervollem Gitarrenspiel, ihre Stimme hob an, erreichte Sphären die nur wenige aktuelle Folk Sängerinnen erreichen, und wollte uns mitnehmen auf eine Reise in ihre Songs. Sie zog uns schnell in ihren Bann – halt – oder doch nur mich und eine Handvoll Menschen um mich herum? Spätestens ab dem dritten Song unterhielten sich viele Zuschauer ausgelassen, gestikulierend, wie man es aus Wirtshäusern kennt, und das nicht nur an der Bar. Gelächter kam auf, Stammtisch Gehabe wurde ausgepackt. Zu zart, zu fein, zu besonders schien sie für dieses Publikum, was mir jedoch nicht ganz einleuchtete. So hat doch auch Kevin Morby auf jeder seiner Platten ruhige, kontemplative Momente. Sicher nicht in diesem Maße, und über Geschmack lässt sich streiten. Dass jedoch jeder Anstand für die Künstlerin Meg Baird über Bord geworfen wurde war einfach erschreckend. Es hat mir leider auch dieses Konzert in großem Maße vermiest, zeitweise konnte ich mich nur kopfschüttelnd umschauen aufgrund des unfassbaren Geräuschpegels. Schade! Meg war sichtlich berührt, und den Tränen nahe aufgrund der vorherrschenden Ignoranz.

Trotz diesem faden Beigeschmack geriet das Kevin Morby Konzert vom ersten Ton an zum Fest. Morbys große Kunst ist es, den Spagat zwischen Tiefe und einer gewissen Leichtigkeit scheinbar spielend hinzubekommen. Auch seine auf den ersten Blick düsteren, bedrückenden Songs zaubern er und seine Band locker auf die Bühne, untermalen sie mit einem geschmeidigen Beat. Der Auftritt ist von Anfang an souverän und sympathisch, die Band ist gut aufeinander eingespielt, „Harlem River“ wird zum ersten ausgedehnten Highlight: „Harlem River, talk to me“ und „Harlem River, I’m in love love love“ – eindringlich! In den Instrumental Passagen zeigt die Band, was sie kann, ausschweifend, aber nie zu dick auftragend. Hier kristallisiert sich schon heraus, dass die Gitarristin zum heimlichen Star des Abends avanciert. Völlig unscheinbar wirkt sie erst, extrem gelassen und unaufgeregt zaubert sie dann virtuos an ihrem Instrument, hebt einige der Songs auf eine andere Ebene. „Miles Miles Miles“ gerät zum nächsten Höhepunkt, zeigt ungeahntes Pop-Potenzial. „If you knew just how far I traveled – miles, miles, miles“ und die Gitarre jangelt dahin. Und natürlich gibt es auch das großartige „I have been to the Mountain“, sein bisher wahrscheinlich bester Song. Morby singt Songs aus dem Herzen Amerikas. Aber sein Amerika ist nicht Trumps Amerika. Es ist das Amerika der Guten, der Hobos, das Amerika das wir auch so lieben. „Sad!“ ist Morbys Kommentar zur Trump Wahl. Und er bedankt sich für die Solidarität, die er in Europa erlebt. Und die Schulterklopfer, dass es schon irgendwie weitergehen wird. Vor den Zugaben gibt es dann seine neue Single zu hören, „Beautiful Stranger“ (scheinbar leider wieder nur digital zu haben, a shame – dennoch: alle Erlöse kommen der Organisation „Everytown for Gun Safety“ zu Gute): Morby ist hier noch mehr Geschichtenerzähler. Mehr Bob Dylan. Mehr Protest Sänger. Nimmt sich aktueller Thematiken an, singt von den Anschlägen in Paris und Orlando. Und denkt an all die Beautiful Strangers, die nur ihr Leben leben und genießen wollten, bis zu diesen tragischen Vorfällen. Eine Strophe daraus:

Pray for Paris
They cannot scare us
Or stop the music
You got a sweet voice, child
Why don’t you use it?
If I die too young, if the gunmen come, I’m full of love
So release me, every piece of me, up above

If the gunmen come, I’m full of love! Diese Haltung versprüht er auch auf der Bühne. Schon während dem Konzert ließ Morby sich zu einem kurzen „Leonard Cohen forever“ hinreissen, am Ende kommt nochmal Meg Baird auf die Bühne um mit ihm „Passing Through“, das durch Leonard Cohen bekannt gemacht wurde, zu interpretieren. Und ganz zum Schluss gibt es noch „The Ballad of Arlo Jones“. „Where is Arlo now?“ schreit Morby in die Menge. Der Song erinnert noch sehr an seine vorherige Band „The Babies“. Sie traten vor Jahren noch vor einem guten Dutzend Leute im Café Kult in München auf. Es war damals mein Konzert des Jahres. Irgendwie hat Morby es geschafft, jetzt einen deutlich größeren Laden zu füllen. Man darf gespannt sein wohin sein Weg führt!

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