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News & Faves on Vinyl

Endlich Blüte – Der Schöne Junge Mann EP (KUS 005 – 2016)

Fred, der Gitarrist von Endlich Blüte, strahlt von dieser 12’’ EP, vorn wie hinten. „6 Hits, eine EP“ – das schrieb erst kürzlich das Kulturmagazin a3 über die Platte. Und hat Recht damit. Dennoch wollen wir ein wenig tiefer blicken. Und wo sind eigentlich die dort beschriebenen „Britpop-Chansons“?

Endlich Blüte, das sind Ralf H., Frederik J., Hannes M. und Flo M., so die bandeigene Facebook Seite. Die neue Vinyl Veröffentlichung der Band erscheint wieder bei Kleine Untergrund Schallplatten, dem weiterhin fleißigen und stilsicheren Augsburger Label. Label und Band debütierten einst gemeinsam mit dem formidablen „Neue Wunden“. Der Song war Aufbruch, Melodie und Noise in einem, und gab ein Versprechen ab. Ein Versprechen, dass von dieser Band noch zu hören sein wird. Sänger Ralf veröffentlichte zwischendurch mit Schwesterband Zimt eine ebenso feine Single (die erste Rezension in diesem Blog!) und wie bei Zimt und „Neue Wunden“ handelt auch diese EP unter anderem wieder von menschlichen Beziehungen, schon in „Ich habe festgestellt“ – dem ersten Song. Ja, was denn festgestellt? Dass sie sich nicht verlieren kann? Dass sie ihm dennoch gibt, was er braucht? Dass er dies nicht von jedem auf der Welt bekommen kann? So die Essenz des Song. Dazu werden die Einflüsse der Band deutlich – Shoegaze, Pavement, Blumfeld. Alles schön vermischt und doch irgendwie eigen und besonders. Überhaupt wissen Instrumentierung und Zusammenspiel der Band zu gefallen. Stets konzise, stets auf den Punkt, stets irgendwie besonderer als die meisten anderen Bands aus ihrer Riege.

„Ein stiller Sonntag Nachmittag, wie ihn jeder Deutsche mag“ – mit diesen Worten leiten Endlich Blüte den zweiten Song ein. Endlich Blüte „macht es runter“, denn Lethargie und Apathie begleiten diese Tage. Weniger Noise, mehr Melodie… vorerst. Dazu stellt Ralf fest: „Doch unten ist es schön, da kann uns keiner sehen“. Eine wunderbare, clevere Wendung, ein Hoch auf gepflegte Depression. Kurz darauf janglen die Gitarren los. Der nächste Winner! Am Ende wird es wieder noisy. „Hurry up, hurry up“ schreit Ralf. Man möchte „Hurry up and wait!“ reinrufen.

Es folgt die neue Video-Single „Eigenwohl“. Darin geht es ums leidige Geld, aber eben gar nicht um das besagte Eigenwohl. Vielmehr sei es schlecht um „mich“ und „dich“ bestellt. Hier erinnern die Lyrics etwas an die frühen Tocotronic. Nach knapp eineinhalb Minuten hebt der Song ab, wird zur Hymne. 3 Songs, 3 Hits also auf Seite A. Im Video werden wir an bekannte Augsburger Orte geführt, sehen das schöne alte Augsburg, die Stadtmetzg, die Fuggerei oder abschließend den kultigen Plattenladen an der Barfüßer Brücke, mit ungewohntem Verkäufer. Herrlich emotionslos schleicht Bernd Jooß, der Hauptdarsteller im Video, durch die Straßen und führt uns an diese Orte. Man möchte anhand der Kauzigkeit mit der er es tut fast an alte Pavement Videos der 90er denken, an den sich räkelnden Stephen Malkmus. Endlich Blüte halten dabei das Augsburg Schild hoch, haben nicht einen hippen Clip in Berlin gedreht oder an den Hamburger Docks.

Die B-Seite beginnt mit „Remis, Sophie“ – ist das nun der Britpop-Chanson? Noch am ehesten. Zunächst mag der Song etwas gewöhnungsbedürftig anmuten. Keine Dissonanz, keine rasanten Wechsel. Am Ende zeigt „Remis“ aber vielmehr in wie viele Richtungen die Band gehen kann, und dass sie sich eben nicht so einfach festlegen lassen. Hier gibt es keinen Noise, stattdessen möchte man mitwippen und ertappt sich schon bald dabei den Song zu summen. Vermutlich spielt die Band auch ein wenig damit, ihren Sound so breit zu fächern, um zu zeigen – uns legt niemand fest, ein „Theater der Verwirrung“!

Anschließend findet sich auf der B-Seite mit „Ich fühle mich betroffen“ ein alten Bekannter. Lange habe ich mir den Song als 7’’ Single gewünscht, und eigentlich hätte er eine solche Veröffentlichung verdient. Kurz vor dem Modular Festival als Video-Single veröffentlicht, hat sich der Song zum Konzert Favoriten entwickelt. Und auch zu meinem heimlichen Favoriten. Der Hit unter den Hits. Hier sind sie am meisten Tocotronic. Und doch gibt Freds Gitarre dem Song noch etwas eigenes, macht ihn speziell. „Ich fühle mich betroffen“ sollte wirklich in allen Indie Clubs dieser Welt gespielt werden.

Der Titeltrack beschließt die EP – „Der schöne junge Mann und das Problem der Traurigkeit“. Vorangetrieben von Hannes’ Schlagzeug, mit fabelhaftem, sich wiederholendem Gitarrenmotiv bleibt der Song schnell im Gedächtnis, wird zum Ohrwurm. Und endet anschließend im Gitarren-Mahlstrom, der einmal mehr zeigt: Endlich Blüte in eine Kategorie zu stecken ist schwierig. Und man darf gespannt auf die weiteren Veröffentlichungen warten. Der schöne junge Mann aus dem Song ist noch nicht bereit. Kummer und Traurigkeit stehen ihm im Weg. Für die schöne junge Band sollte dies jedoch kein Problem sein – selbstbewusst können sie nach toller Single und EP nach vorn blicken und den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung tun! Und wer es noch nicht gemacht hat, sollte sich schnell die EP holen, bevor es wie bei der bereits ausverkauften Debüt Single zu spät ist! Pressung und Artwork sind übrigens in gewohnter KUS Tradition tadellos!

Bezugsquellen:

https://www.facebook.com/kus2015/

https://endlichbluete.bandcamp.com/

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